hpd-Interview – Juli 2017

© Nick Ansted – Entranced

hpd-Interview – Juli 2017:
Drogenpolitik vs. Selbstbestimmung

Die­ses Inter­view wur­de am 20.7.2017 von Eve­lin Frerk beim Huma­nis­ti­schen Pres­se­dienst hpd unter dem Titel Dro­gen­po­li­tik vs. Selbst­be­stim­mung ver­öf­fent­licht:
hpd​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​d​r​o​g​e​n​p​o​l​i​t​i​k​-​v​e​r​s​u​s​-​s​e​l​b​s​t​b​e​s​t​i​m​m​u​n​g​-​1​4​631


Sub­stanz – unter die­sem Titel enga­giert sich eine Arbeits­grup­pe für den selbst­be­stimm­ten Gebrauch psy­cho­ak­ti­ver Sub­stan­zen, für eine Dro­gen­po­li­tik, die auf ratio­nal-kri­ti­schem Vor­ge­hen sowie all­ge­mein mensch­li­chen Grund­sät­zen basiert. Ihre Kern­aus­sa­ge ist: “Absti­nenz­dog­ma ist wider die mensch­li­che Natur; jede erwach­se­ne Per­son soll­te über ihr Bewusst­sein und ihren Kör­per selbst bestim­men […] dür­fen!” Für den hpd sprach Eve­lin Frerk mit Phi­li­ne Edbau­er, Mit­be­grün­de­rin von Sub­stanz.


hpd: Psy­cho­ak­ti­ve Sub­stan­zen wer­den im all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch mit “Dro­gen” abge­tan. SUBSTANZ sieht das anders. Wer sind die Initia­to­ren und an wen rich­tet Ihr Euch?

Phi­li­ne Edbau­er: Wir sind drei Leu­te, die sich eine ande­re Dro­gen­po­li­tik wün­schen. Eine, die wis­sen­schaft­lich fun­diert ist und sich am Wohl und an den Bedürf­nis­sen der Men­schen ori­en­tiert. Wir möch­ten bestehen­de Initia­ti­ven für eine Libe­ra­li­sie­rung ergän­zen, indem wir statt Ein­zel­as­pek­ten die gesam­te The­ma­tik umfas­send und nach­voll­zieh­bar auf­be­rei­ten. Wir ver­su­chen dadurch, gesell­schaft­lich inter­es­sier­te Leu­te zu errei­chen, die die Bedeu­tung die­ses The­mas noch nicht im Blick haben. Lega­le und ille­ga­li­sier­te Sub­stan­zen sind Teil des All­tags unse­rer Gesell­schaft, aber oft ein Gesprächs-Tabu. Damit sich die jet­zi­ge deut­sche Anti-Dro­gen­po­li­tik ändern kann, muss der gesell­schaft­li­che Dis­kurs noch wei­ter ange­regt wer­den. Can­na­bis als Medi­zin ist jetzt ein bekann­tes The­ma, es geht aber um viel mehr.

Zum Bei­spiel?

Selbst­be­stim­mung. Was geht es eine Regie­rung eigent­lich an, wie wir als erwach­se­ne Men­schen unser Bewusst­sein erle­ben? Die Anti-Dro­gen­po­li­tik nimmt uns die Mög­lich­keit, wis­sen­schaft­lich unter­stütz­te Erfah­run­gen mit allen Sub­stan­zen zu machen. Wol­len wir uns nicht mit Alko­hol und Niko­tin begnü­gen, lie­fert sie uns dem unkon­trol­lier­ten Schwarz­markt aus.

Hier kommt typi­scher­wei­se in Gesprä­chen der Ein­wand: Muss man nicht eini­ge Men­schen vor den Dro­gen schüt­zen? Tat­säch­lich ist es aber so, dass ers­tens der Schwarz­markt kei­nen zuver­läs­si­gen Jugend­schutz kennt, zwei­tens eine am Men­schen ori­en­tier­te Dro­gen­po­li­tik einen Verbraucher_​innenschutz eta­blie­ren soll­te. Die Ver­bots­po­li­tik hält kaum davon ab, regel­mä­ßig ille­ga­li­sier­te Sub­stan­zen zu kon­su­mie­ren. Nach­fra­ge und Ange­bot sind flä­chen­de­ckend da.

Eure Web­site ist jetzt im vier­ten Monat online. Gibt es ers­te Erkennt­nis­se?

Ich habe vie­le schö­ne Gesprä­che in mei­nem Umfeld sowie mit Men­schen geführt, die ich durch das Enga­ge­ment ken­nen ler­nen konn­te. Inter­es­sant ist, dass zum The­ma Rausch alle etwas zu sagen haben. Ent­we­der zu eige­nen Kon­sum­er­fah­run­gen mit lega­len und ille­ga­len Sub­stan­zen, als auch zum Bei­spiel zu Alko­hol­pro­ble­men in der Fami­lie. Allen ist mehr oder weni­ger klar, dass die jet­zi­ge Dro­gen­po­li­tik pro­ble­ma­tisch ist. Ich ver­su­che dann nur noch, das Bewusst­sein zu schaf­fen, wie dring­lich und umfas­send das The­ma eigent­lich ist. Dazu gehört auch, weit­ver­brei­te­te Irr­tü­mer und Halb­wis­sen zu kor­ri­gie­ren.

In den Gesprä­chen ist mir auf­ge­fal­len, dass vie­len Men­schen gar nicht bewusst ist, dass sie das Recht haben, Poli­tik nach ihren per­sön­li­chen Inter­es­sen zu beein­flus­sen, also zu begin­nen, die jet­zi­ge Situa­ti­on nicht als unver­än­der­lich zu akzep­tie­ren. Jeder Mensch auf die­ser Welt hat das Recht dar­auf, sich zu ent­wi­ckeln und sein Umfeld mit­zu­ge­stal­ten. Bloß, weil Sub­stan­zen so leicht erhält­lich sind, darf man es sich nicht gemüt­lich machen und sich damit abfin­den, den Schwarz­markt zu finan­zie­ren und zu hof­fen, dass es mit der Dosis und den Stre­ckun­gen schon irgend­wie gut gehe.

Soll­ten sich für euer Anlie­gen auch Men­schen inter­es­sie­ren, die kei­ne ille­ga­len Dro­gen zu sich neh­men?

Die Anti-Dro­gen­po­li­tik, so bezeich­nen wir die jet­zi­ge Dro­gen­po­li­tik, geht auch Leu­te an, die nichts Ille­ga­les kon­su­mie­ren. Wir dür­fen nicht akzep­tie­ren, dass uns die Regie­rung vor­gibt, wie wir unser Bedürf­nis nach Rau­sch­mo­men­ten zu leben haben. Alko­hol erle­ben wir als selbst­ver­ständ­lich. Er gilt als gesell­schaft­li­cher Beglei­ter, aber weit­aus unbe­denk­li­che­re Sub­stan­zen wie Pil­ze oder LSD wer­den uns in rei­ner Qua­li­tät vor­ent­hal­ten.

Die glo­ba­le Anti-Dro­gen­po­li­tik ist his­to­risch gese­hen im Gesam­ten nur etwa 100 Jah­re jung und rich­tet Scha­den an und das von Dro­gen­krie­gen bis zur Mar­gi­na­li­sie­rung von Grup­pen …

… Mar­gi­na­li­sie­rung von Grup­pen?

Peop­le of Color und gesell­schaft­li­che Rand­grup­pen wer­den weit­aus öfter für ihren Besitz bestraft und medi­al dif­fa­miert als Leu­te aus gesell­schaft­lich mäch­ti­ge­ren Grup­pen. Ver­ges­sen wird, sie sind nicht per se Rand­grup­pen, son­dern Pro­zes­se wie Ras­sis­mus und Kri­mi­na­li­sie­rung drän­gen die Men­schen dahin. Nach einer Ver­ur­tei­lung sind sie nicht nur ein­ma­li­ge Straftäter_​innen, die ihre Schuld durch Sozi­al­ar­beit oder im Gefäng­nis beglei­chen, son­dern mora­lisch Schwa­che im Ver­dacht, der Gesell­schaft zu scha­den. Obwohl Sub­stanz­kon­sum zum All­tag die­ser Gesell­schaft gehört, wer­den Kon­su­mie­ren­de ille­ga­li­sier­ter Sub­stan­zen in einer fik­ti­ven Par­al­lel­ge­sell­schaft betrach­tet. Hier soll­te man übri­gens nicht über­se­hen, dass es sich beim Besitz die­ser Sub­stan­zen eigent­lich nicht um eine Straf­tat han­deln dürf­te, weil Besitz kei­nem ande­rem scha­det.

Wie wird im All­tag zur Stig­ma­ti­sie­rung bei­ge­tra­gen?

Ein Bei­spiel: Sagt man von jeman­den, er oder sie sei abhän­gig, ist das etwas Nega­ti­ves oder zu Bemit­lei­den­des. Die Per­son wird auf­grund eines bestimm­ten Ver­hal­tens als gesam­te Per­son degra­diert.

Es fehlt im Dis­kurs eine fun­dier­te Unter­schei­dung zwi­schen Abhän­gig­keit und Sucht. Jeder Mensch ist von vie­lem abhän­gig, sei es war­mes Essen, Geld, Freund­schaft, das Han­dy oder eben eine Line Koks zu beson­de­ren Anläs­sen. Abhän­gig­keit muss nicht mit Leid ein­her­ge­hen. Sie kann zum Lebens­stil gehö­ren. Die­se Abhän­gig­kei­ten neh­men einem nicht die Fähig­keit, die eige­nen Bezie­hun­gen dazu kri­tisch zu reflek­tie­ren und bewuss­te Ent­schei­dun­gen zu tref­fen.

Nur weni­ge Pro­zent der Kon­su­mie­ren­den gera­ten in eine Sucht. Hin­sicht­lich Sucht sind die meist ver­brei­te­ten Sub­stan­zen in Deutsch­land Alko­hol und rezept­freie Medi­ka­men­te. Men­schen mit Sucht als Opfer von Sub­stan­zen oder Wil­lens­schwä­che zu stig­ma­ti­sie­ren, hilft ihnen nicht. Es braucht viel­mehr eine Aus­ein­an­der­set­zung damit, durch wel­che sozia­len und per­sön­li­chen Umstän­den sie dem Sub­stanz­kon­sum, dem Shop­pen oder Wett­spiel solch einen Stel­len­wert in ihrem Leben ein­neh­men lie­ßen.

Die­se Nach­fra­gen erge­ben indi­vi­du­el­le Ant­wor­ten, die eine Sum­me aus per­sön­li­chen und sozia­len Umstän­den bil­den. Aus den sozia­len Umstän­den las­sen sich Aus­sa­gen über die Zustän­de unse­rer Gesell­schaft ablei­ten, die höchst dis­kus­si­ons­wür­dig sind. Zum Bei­spiel die Redu­zie­rung des Leis­tungs­drucks in unse­rem Schul­sys­tem.

Dem Betäu­bungs­mit­tel­ge­setz – so heißt es – feh­le es an wis­sen­schaft­li­cher Grund­la­ge. Wor­auf basiert die­se Aus­sa­ge?

Im März 2017 wur­de ein Antrag der Links­frak­ti­on und der Frak­ti­on der Grü­nen im Bun­des­tag durch Gegen­stim­men aus der CDU und SPD abge­lehnt. Gefor­dert war die wis­sen­schaft­li­che Prü­fung der Wirk­sam­keit des Betäu­bungs­mit­tel­ge­set­zes durch exter­ne Expert_​innen. Die letz­te gro­ße inhalt­li­che Ände­rung des Geset­zes war 1971. Abge­se­hen vom Inhalt selbst, ist allein die Behaup­tung, eine wis­sen­schaft­li­che Prü­fung sei nach über 40 Jah­ren For­schung nicht erfor­der­lich, eine Absa­ge an den Anspruch einer wis­sen­schaft­li­chen Fun­die­rung unse­rer Geset­ze.

Ein Blick auf die Phil­ip­pi­nen: Es wird dort von einem Dro­gen­krieg gespro­chen. Wie schätzt ihr das ein? Was könn­te man tun, um den Kon­flikt zu lösen?

In der letz­ten Zeit gibt es in Deutsch­land und Euro­pa eini­ge öffent­li­che Bekun­dun­gen diver­ser Grup­pen, die den Prä­si­den­ten Duter­te auf­for­dern, sei­nen soge­nann­ten Dro­gen­krieg in den Phil­ip­pi­nen zu stop­pen. Ich fin­de, man macht es sich sehr leicht, mit der Men­schen­rechts-Check­lis­te auf ein fer­nes Land zu schau­en und zu behaup­ten, die sei­en mora­lisch nicht so weit wie wir und des­we­gen kön­nen wir ihnen erzäh­len, wie es bes­ser geht.

Will man wirk­lich ver­ste­hen, was in den Phil­ip­pi­nen vor sich geht und hel­fen, brauch­ba­re Lösungs­an­sät­ze zu ent­wi­ckeln, ist es viel­mehr erfor­der­lich, sich tie­fer gehend die Kolo­ni­al­zeit durch die Spa­ni­er und die USA bis heu­te genau­er anzu­se­hen. Die katho­li­sche Kir­che hat­te und hat dabei eine beson­de­re Bedeu­tung. Die Poli­tik der letz­ten Jahr­zehn­te war vom kal­ten Krieg der USA beein­flusst.

Dabei muss man sich vom Fokus auf die Sub­stan­zen lösen, denn die spie­len in die­sem soge­nann­ten Dro­gen­krieg eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le. Die eben beschrie­be­ne Stig­ma­ti­sie­rung und Kri­mi­na­li­sie­rung mar­gi­na­li­sier­ter Grup­pen und Per­so­nen sind der Nähr­bo­den für Duter­tes Poli­tik. Der Kampf gegen eine ver­meint­lich böse Grup­pe, deren Aus­lö­schung die Pro­ble­me des Lan­des lösen sol­len, ver­leiht Duter­te Macht und Ver­trau­en. Die USA dient seit den 70ern mit ihrem eige­nen “War on Drugs” und “Law and Order” als Vor­bild.

Zu ver­ste­hen, dass nicht Sub­stan­zen das Pro­blem sind, son­dern die Dro­gen­po­li­tik, ist ein ers­ter nöti­ger Schritt, um der Unter­su­chung und Lösungs­fin­dung gegen­über offen ein­ge­stellt zu sein.

Zur Rol­le der christ­li­chen Kir­chen, die sich den For­de­run­gen gegen Duter­tes Poli­tik anschlie­ßen: Sie tra­gen nichts zur Been­di­gung des glo­ba­len Dro­gen­kriegs bei, solan­ge sie sich nicht mit den Zusam­men­hän­gen beschäf­ti­gen und ihre eige­ne Rol­le in den jewei­li­gen Gesell­schaf­ten über die letz­ten Jahr­hun­der­te hin­weg reflek­tie­ren. Ihre Glaub­wür­dig­keit ist ein­ge­schränkt, solan­ge sie einer­seits die Absti­nenz von ille­ga­li­sier­ten Sub­stan­zen for­dern und gleich­zei­tig dem Wein hul­di­gen. Ihre wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen an der Wein-, Schnaps- und Bier­pro­duk­ti­on ste­hen einer Regu­lie­rung aller Sub­stan­zen inklu­si­ve Alko­hol ent­ge­gen. Denn zum Bei­spiel ein wirk­sa­mer Jugend­schutz erfor­dert ein Alko­hol-Wer­be­ver­bot.

Gibt es wei­te­re Pro­jek­te?

Für den Herbst 2017 kön­nen wir ein Buch ankün­di­gen: “Libe­ra­li­sie­rung psy­cho­ak­ti­ver Sub­stan­zen – War­um ein Umden­ken drin­gend erfor­der­lich ist”. Autor ist Frank Sem­bow­ski, eben­falls Sub­stanz-Mit­be­grün­der.

Das Buch möch­ten wir mit Ver­an­stal­tun­gen beglei­ten. Zuvor star­ten wir eine Inter­view-Rei­he. Über die Kon­takt­auf­nah­me von Men­schen, die inter­es­san­te Erfah­run­gen zum The­ma gemacht haben, freu­en wir uns. “Neben­her” schrei­ben wir an wei­te­ren Arti­keln für die Web­site. Dabei wer­den wir die Bun­des­tags­wahl beglei­ten. Und ich arbei­te gera­de an einem Erfah­rungs­be­richt über das Alko­hol-Trin­ken und dar­über, ihn nicht zu trin­ken.

Zum Ende ein Sub­stanz-Zitat aus der Home­page: “Wir set­zen uns für die Frei­heit der Per­sön­lich­keit ein – nicht für eine Dok­trin des Rau­sches.”
Schö­nen Dank Phi­li­ne Edbau­er für die­sen ers­ten Ein­blick in die Sub­stanz-Arbeits­grup­pe, die sich der Auf­klä­rung weit­ver­brei­te­ter Irr­tü­mer und der Kor­rek­tur von Halb­wis­sen ver­schrie­ben hat.